Hilli Hassemer

 

Das Ringen um die konkrete Gestalt
Hilli Hassemer

„Plurale Portraits“ sind in den Jahren 1999 – 2002 entstanden. In ihnen überlagern sich Darstellungen scheinbar gleicher Köpfe. Die Konturen der Porträts werden (bis zu 160-fach) auf der Leinwand reproduziert und ergeben Strukturen. Zuweilen sind die Köpfe so dicht überlagert, dass der Kopf als einzelner nicht mehr wahrnehmbar ist. Vereinzelte konkrete Details der Köpfe bleiben aber erhalten und lassen das Grundmotiv, die Köpfe, erkennen.

Anamorphosen sind Dehnungen oder Verzerrungen von Bildmotiven. Verändert der Betrachter seinen gewohnten Standpunkt, und begibt sich in eine seitliche Position zu dem Bild, so nimmt er das eigentliche Motiv wieder als solches wahr.

In den weiteren Arbeiten lösen sich die noch verbliebenen darstellerischen Elemente – Details der Köpfe – auf und werden zu ovalen Kreisen, die sich weiterhin wiederholen, übereinander lagern und ein unterschiedlich dichtes Gewebe bilden.

2004 – 2005 entstehen die „Rinnbilder“ Die flüssige Acrylfarbe rinnt und fließt auf der am Boden liegenden, in verschiedene Richtungen bewegten Leinwand. Die Rinnsale fließen in mehreren Schichten übereinander, bilden Netze und gewebeartige Formationen. Die Strukturen schaffen sich im freien Fluss, der Schwerkraft gehorchend, von mir durch Bewegung der Leinwand gelenkt.

Haben die ersten Rinnbilder noch gradlinige Elemente und „imitieren“ rechte Winkel, lösen sich die rechteck-geprägten Strukturen in diesen Arbeiten weiter auf: Die Strukturen muten organischer an. Sie erlauben sich runder und freier zu sein..
Ab Mitte 2005 entstehen Arbeiten auf Holz. Noch immer geht es um Strukturen und Muster – jedoch sind diese wieder kontrolliert mit dem Pinsel dick aufgetragen. Zu dick aufgetragen, der Lack. Genau dadurch entzieht sich auch das Material schon wieder der Kontrolle. Während des lang weilenden Trocknungsprozesses bildet er in sich neue Rinnen und Gekräusel.
Das Muster im Muster im Muster… Erkennen Sie ein Muster?

Neue Werkgruppe 2006. Die Netze verrücken sich.
Alte Kreise kommen wieder an die Oberfläche und kräuseln sich im Lack. Die Anzeichen verdichten sich, um sich dann wieder aufzulösen. Ich spiele und gewinne Freiraum. Wage das kleinkarierte und die Linie. Kontrollwahn gegen amorphe Flecken. Kontroverse Strukturen.

Werkgruppe 2007. Vom Fleck weg, zum Fleck hin…Wage Leerstellen. Suche Öffnungen zum Grund der Leinwand. Zum Grund. Zeige Schweigen. Linien, die sich zu Geweben fügen und jede Linie hört plötzlich auf. Jede an ihrem Punkt. So erscheint ein amorphes ganzes Gebilde, wie aus dem Nichts.

Das Nichts braucht, um als solches wahr genommen zu werden, eine Begrenzung, einen umgebenden Raum oder Fläche.

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